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ENTER THE VOID


Regie: Gaspar Noé
Drehbuch: Gaspar Noé
Kamera: Benoît Debie
Darsteller: Paz de la Huerta, Nathaniel Brown, Cyril Roy, Emily Alyn Lind, Jesse Kuhn

Das filmische Werk Gaspar Noe's steht geradezu archetypisch für die Polarisierung eines Publikums, MENSCHENFEIND oder IRREVERSIBLE spalten die Meinungen der Zuschauer ebenso wie die der Presse. Dass Noe's Filme nicht für ein Mainstreampublikum gemacht sind, dürfte kein Geheimnis sein, was nicht an der oft drastisch-realistischen Darstellung von Gewalt liegen dürfte, denn diese ist im Mainstreamkino längst salonfähig geworden. Hier sind es die dramaturgischen und filmischen Mittel welche Noe's Filme ausnahmslos schwer verdaulich machen. Oft handeln seine Filme über Menschen welchen ihre vermeintliche Sicherheit geraubt wird und wie die Auswegslosigkeit des Schicksals und der Vorherbestimmung über ihnen hereinbricht.

Ein wunderschöner Albtraum!

Noe schafft es mit seinen Filmen dem Betrachter seine eigene Sterblichkeit bewusst zu machen, ENTER THE VOID könnte man sozusagen als einen Bewusstseins-Science Fiction verstehen, der zumal auch optisch an Stanley Kubriks 2001 erinnert. Dramaturgisch ist der Film gänzlich unkonventionell und von allen bisherigen Erzähformen losgekoppelt. Würde man Gaspar Noes neuesten Film in die Filmgeschichte einordnen wollen, so müsste man schon einen direkten Vergleich mit anderen Medien anstellen, denn ENTER THE VOID ist sozusagen das filmische Pendant zu den expressionistischen Romanen ULYSSES und BERLIN ALEXANDERPLATZ [auch diese Werke spalten ihre Leser bis heute]. Schon mit dem wilden, typografisch überwältigenden Vorspann reiht sich ENTER THE VOID nahtlos in die Filmografie Noe's ein. Der Film ist ein gigantischer, [wahrhaft!] schwindelerregender Bildersturm, der es auf einzigartige Weise schafft die destruktive Schönheit einer nierderschmetternden Tragödie einzufangen. Der Zuschauer ist der subjektiven Kamera in ENTER THE VOID gnadenlos ausgeliefert und erlebt das Geschehen teilweise aus der Ich-Perspektive des Drogendealers Oscars, der seine Schwester Linda zu sich holen will, oft zeigt der Film seine Welt aber auch aus einer dramaturgisch gänzlich losgelösten Perspektive und erzeugt damit eine sehr einzigartige Atmosphäre. Die Geschichte wird sehr lose erzählt und lässt dem Zuschauer viel Platz für eigene Interpretationen, allerdings ist von Anfang an klar, dass die Geschichte sehr drastische und zermürbende Ausmaße annehmen wird. Die Megapolis Tokyo dient als beklemmender Schauplatz für diese Geschichte und wird auf eine sehr künstliche und bunte Art und Weise eingefangen. ENTER THE VOID wirft den Zuschauer in eine Auseinandersetzung über Begehren, Verlust und Zerstörung und lässt den entglittenen Geist schliesslich in die namensgebende Leere driften um einen Neuanfang zu generieren. Es ist schwer sich dem Bildersturm zu entziehen, gleichzeitig aber eine sehr starke psychische und durchaus auch physische Belastung für den Zuschauer.

Tokyo glüht, vibriert und strahlt vor Energie

Die Darstellung der Geschichte von ENTER THE VOID ist zugleich expressionistisch als auch explotativ - wie ein ungefilterter Sturmangriff auf die Synapsen. Die Kameraarbeit und die Farbgebung machen ENTER THE VOID zu einem überwältigendem Kunstwerk und einem gänzlich neuartigen Seherlebnis, dessen äussere Schönheit und inhaltliche Destruktivität einen geniale Widerspruch ergeben. Die Einen werden ihn hassen, Viele werden ihn lieben - ein echter Gaspar Noe eben und ganz nebenbei auch noch ganz große Filmkunst!

Sowohl inhaltlich als auch formal ergibt der Film eine sehr schöne Ergänzung zur rauschhaften Darstellung von Bewusstseinsveränderung in Ken Russel's ALTERED STATES [DER HÖLLENTRIP] aus dem Jahr 1980.


10/10 überlasteten Gehirnzellen

Ein Highlight 2010: Dieser einzigartige Film wurde in die Jahresliste der gelungensten Filme 2010 aufgenommen!

Veröffentlichung: ENTER THE VOID lief in einer sehr begrenzeten Anzahl deutscher Kinos und wird am 28.01.2010 von CAPELIGHT in einem schönen Mediabook als DVD/Bluraykombo erscheinen. Unten ein Bild der französischen Ultimate Edition, welche unter anderem den englischen Originalton und die Langfassung [174 min. 24p/sec] enthält.



Dieses beindruckende Video zeigt die Entstehung der virtuosen Spezialeffekte. Hier war sichtbar ein Team mit einer Vision am Werk!



Hier noch ein paar Eindrücke aus ENTER THE VOID, dem neuen Werk von Gaspar Noe [MENSCHENFEIND, IRREVERSIBLE]:







Der Trailer zu ENTER THE VOID vermittelt die innovativen Bilder dieses Energiegeladenen Films:

Kommentare:

  1. Stellenweise ein wenig langezogene Übergänge hinkt ein wenig hinter Irreversible hinterher.
    Dennnoch sehr bemerkenswerter Mindtrip,
    der einen alles herum vergessen lassen kann.

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  2. Meisterwerk! Beim zweiten anschauen verarbeitet man die Nuancen erst so wirklich.
    Inhalt und Form gehen bei diesem Film Hand in Hand und so wird die "Geistwelt" auf einziagartige Weiße fühl und spürbar.
    Ein intensiver Blick in die meist verborgenen Abgründe der Menschheit und man ertappt sich dabei beklemmend zu bemerken, das man irgendwie auch ein Teil dessen ist!

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  3. "Teilweise aus der Ich-Perspektive"??!??

    Der gesamte Film ist aus der Sicht von Hauptfigur Oskar inszeniert!

    Die Sequenz in der sein Leben mit ihm im Vordergrund am ihm vorbei zieht ist eben genau das, der Moment, in dem sein Leben an seinen Augen vorbei zieht.

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  4. Ich muss zugeben, dass der Film stellenweise in triefenden Kitsch abdriftet… Das Leben, dass eine Saw&Hostelesque Tortur des Menschen darstellt, scheint der Kontrast zum Plot zu sein.

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