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HENRY - Portrait of a Serial Killer

Regie: John McNaughton
Drehbuch: Richard Fire, John McNaughton 
Darsteller: Michael Rooker, Tom Towles, Tracy Arnold

Henry, ein aktiver Serienmörder, der wegen dem Mord an seiner eigenen Mutter vorbestraft ist, wohnt mit seinem ehemaligen Gefängnisskollegen Otis zusammen in einer Bruchbude in Chicago. Als eines Tages Otis' jüngere Schwester Becky auftaucht und von der Misshandlung in ihrer Jugend berichtet, spürt Henry eine gewisse Seelenverwandschaft zu Ihr und der Alltag aller drei Personen gerät völlig aus den Fugen.

John McNaughtons (WILD THINGS) Regiedebüt ist ein beklemmender und verstörender Serienkillerfilm, der sich nicht beim Publikum anbiedern will. Das besondere an HENRY - PORTRAIT OF A SERIAL KILLER ist die Tatsache, dass der Film keinerlei Interesse daran hat die blutigen Details der grausamen Morde zu illustrieren, er erforscht vielmehr das Innenleben seiner Hauptfigur. Michael Rooker liefert in der Rolle des titelgebenden Psychopathen eine Glanzleistung. Durch seine echte und undistanzierte Erzählweise schafft es der Film durch Mark und Bein zu gehen und eine ähnliche Intensität wie z.b. TEXAS CHAINSAW MASSACRE zu erzeugen. Regisseur John McNaughton nutzt erzählerische Instrumente wie z.B. das Erleben der Handlung durch eine Kamera, welche einer der Protagonisten verwendet, oder das zeitversetzte Abspielen von Videobändern, um mit eben dieser räumlichen und zeitlichen Distanz zum Zuschauer zu spielen.
 
Der Film erhielt in den USA zunächst ein unlukratives X-Rating, woraufhin der Film in den Archivregalen zu verstauben drohte, erst drei Jahre später und mit dem Einsatz des Filmkritikers Roger Ebert, ging der Film erneut durch die Instanzen der Zensurbehörden und erhielt schlussendlich doch ein R-Rating. Das Label "Bildstörung" veröffentlicht dieses kleine Meisterwerk auf Bluray und DVD in einer nie dagewesenen Bildqualität und im originalen Bildformat 1:1,33 (Academy). Die Special Edition enthält eine sehr informative Bonusdisk mit Making Of, Deleted Scenes und weiteren informativen Inhalten, während die Limited Edition zusätzlich den hyptnotisierenden Soundtrack auf Audio-CD enthält. Eine mehr als gelungene Veröffentlichung eines düsteren Meisterwerks!

Palastmagazin goes Letterboxd

Bei der Filmplattform Letterboxd.com handelt es sich um eine Art digitales Filmtagebuch, welches es dem User ermöglicht eine Übersicht bereits gesehener Filme zu erstellen, bzw. Listen persönlicher Favoriten, Empfehlungen oder nach eigenen Kriterien anzulegen. Ganz nach dem Prinzip eines sozialen Netzwerkes  folgt man anderen Nutzern und beobachtet, wer gerade welchen Film gesehen hat. Neben der Möglichkeit Filme zu bewerten und eine Review zu verfassen, entdeckt man auf diese Art und Weise immer Werke, welche einem bis dato völlig unbekannt schienen.
Das Ganze befindet sich noch in der Testphase und wächst quasi täglich durch kleine Neuerungen und Überarbeitungen (die aktiv von der Community vorgeschlagen). Wer mitmachen will darf mich gerne anschreiben und erhält danach eine Einladung in dieses emfehlenswerte Forum, es lohnt sich!

Da bei mir gerade beruflich einiges los ist wird sich das Palastmagazin auf letterboxd.com ausweiten, dennoch werde ich hier auf der Seite weiterhin Filme vorstellen und besprechen - es geht weiter!
Hier geht es zum Profil vom Palastmagazin

Cineastische Häppchen No.2

Es ist wieder einmal Zeit für einen neuen Eintrag im Filmtagebuch! Es folgt ein kleiner Überblick auf die neuen cineastischen Schätze der letzten Wochen, viele kleine Überraschungen und auch eine große Enttäuschung zeichneten meine letzten Heimkinoabende aus. Viel Spass beim Schmökern! Eigene Gedanken und Anregungen dürfen gerne in den Kommentaren verewigt werden.

 
THE AWAKENING
Der Geisterfilm ist ein überstrapaziertes Genre welches seit dem großartigen SIXTH SENSE zunehmend von Stereotypen und erzwungenen Wendungen geprägt ist. Es geht oft nur darum auf einen abstrusen Twist hinzuarbeiten um dann mit haarsträubenden Machwerken wie AN AMERICAN HAUNTING an der Kasse Profit zu machen. Umso erfreulicher, dass mit THE AWAKENING ein gänzlich frischer Wind durch das gebeutelte Genre weht. Die Geschichte um die seelisch gequälte Autorin, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat Geisterphänomene als Humbug entlarven, überzeugt mit brilliant gezeichneten Charakteren, deren Hintergrundgeschichte wirklich glaubwürdig und nachvollziehbar gestaltet wurde. THE AWAKENING würde sogar als reines Charakterdrama ohne die übernatürliche Komponente funktionieren, dabei muss aber erwähnt werden dass man selten eine dermassen kluge und stimmige Geistergeschichte erzählt bekommen hat. Nick Murphy's Film überzeugt durch eine wundervoll kühle Atmosphäre und tolle Darstellern allen voran Rebecca Hall [VICKY, CHRISTINA, BARCELONA] und Dominic West [THE WIRE]. Der beste Geisterfilm seit THE SIXTH SENSE!
[Medium: UK-Bluray von Studio Canal mit englischem Originalton]


LE HAVRE
"Ich bevorzuge die Version des Märchens, in der Rotkäppchen den bösen Wolf frisst" mit diesem Zitat lässt sich die ironische Unkonventionalität des filmischen Schaffens Aki Kaurismäkis treffend umschreiben. Wieder einmal erzählt der Finne eine kauzige und zugleich herzerwärmende Geschichte, so grotesk wie sie nur das echte Leben schreiben kann. Das ergreifende Abenteuer um einen kleinen illegalen Einwanderer auf Heimatsuche, birgt dieses Mal sogar eine gesellschaftkritische Komponente und wurde (ungewohnt für Kaurismäki) außerhalb von Finnland gedreht. LE HAVRE ist ein wunderschön fotografierter, skurriler und herzerwärmender Film, wie ihn nur Aki Kaurismäki auf die Leinwand zaubern kann. Ein absolute Empfehlung! 
[Medium: Deuschte DVD von Pandora Film]


THIS MUST BE THE PLACE
Ein depressiver, in die Jahre gekommener Gothik-Rockstar [Sean Penn im Ozzy Osbourne-Modus mit einer beängstigend-voluminösen Pudel-Perücke) führt nach dem Tod seines Vaters dessen Lebensaufgabe fort, einen Naziverbrecher aufzutreiben und sich an diesem zu Rächen. Zwischen zahlreichen Songzitaten, einem Gastauftritt der TALKING HEADS und vielen weiteren skurillen Begebenheiten, verbirgt sich hinter THIS MUST BE THE PLACE ein überraschend liebenswertes Roadmovie mit einer mitreissenden Selbstfindungsgeschichte. Es liegt vor allem an Sean Penn und der großartigen Frances McDormand, dass diese groteske Geschichte zu solch einem schrullig-schönen Erlebnis wird.
[Medium: Deutschte DVD von DCM]


TYRANNOSAUR
Jospeph ist ein schlechter Mensch, er säuft, er randaliert und er hasst sich und alle Menschen. Erst als er eine Frau kennenlernt, welche von ihrem Mann gedemütigt und geschlagen wird, wacht er auf und fängt an Gefühle für einen anderen Menschen aufzubringen. Diese zebrechliche Konstellation zwischen zwei seelisch gebeutelten Menschen kommt allerdings ins Wanken und treibt auf deren persönliche Apokalypse zu. TYRANNOSAUR, das bemerkenswere Regiedebüt des britischen Schauspielers Paddy Considine, ist eine düstere und bewegende Geschichte um eine unmögliche Liebe, welche zum Scheitern verurteilt ist. Peter Mullan beweist wieder einmal, dass er zu den besten Schauspielern seiner Generation gehört und trägt dazu bei, dass sich der niederschmetternde Film tief in die Köpfe und Herzen der Zuschauer brennt.
[Medium: Deutsche Bluray im Mediabook von Eurovideo in der Reihe Kino Kontrovers]


WALKABOUT
Nach dem Selbstmord ihres Vaters müssen sich ein Junge und ein Mädchen alleine im australischen Outback zurecht finden. Dort treffen sie auf einen jungen Aborigine, der den WALKABOUT [ein Ritual des Erwachsenwerdens] vollzieht, allerdings wird diese Begegnung für beide Parteien nicht ohne Folgen bleiben. WALKABOUT handelt von dem Aufeinandertreffen zweier völlig unterschiedlicher Kulturen und schildert die Seele der Natur in ihrer eindrücklichen Bedrohlichkeit. Endlich hat sich eine deutschen Label Nicolas Roegs hypnotischem Klassiker aus den 70ern angenommen. Der fast schon psychedelische Film ist ein zeitloses Kunstwerk, mit einer sehr wertvollen und weisen Botschaft.
[Medium: Deutsche Bluray von Pierre Le Fout im schönen 3 Disk-Digipack]


THE THING
Ob nun Remake, Reboot oder Prequel - es ist eigentlich eine Schande wenn ein aktueller Film nicht das (zugegeben hohe) technische Niveau des Originals erreichen kann. War [und ist!] John Carpenter's THE THING ein Musterbeispiel für den täuschend realistischen Einsatz von animatronischen Puppen und brillianten handgemachten Effekten, so ergötzt sich das Remake ausschliesslich an künstlich wirkenden Computereffekten. Davon abgesehen hat man es geschafft die komplette Seele des Originals operativ zu entfernen. Zwar konnte man mit Joel Edgerton [WARRIOR, ANIMAL KINGOM] und Mary Elisabeth Winstead [SCOTT PILGRIM] zwei vielversprechende Newcomer des neuen Kinos gewinnen, diese Ambintionen werden aber mit einem unfassbar unbeholfenen Skript eliminiert - jeder potentielle Spannungsmoment wird konsquent ins Leere inszeniert, was soweit geht, dass einem die Charaktere am Ende völlig gleichgültig sind. Carpenter's Film bezog einen Großteil seiner Spannung aus der Ungewissheit, wer nun von dem "echt" oder "das Ding" sei, diesen interessanten Aspekt verspielt die Neuverfilmung gnadenlos. Zuschauern, welche das Original nicht kennen, könnten THE THING vielleicht noch etwas abgewinnen, alle Anderen sollten einen großen Bogen um diese in den Schnee gesetzte Baustelle machen.
[Medium: Deutsche Bluray von Universal]

MADOKA MAGICA





Die Begriffe "Anime" und "Magical-Girl" stossen hierzulande nicht unbedingt auf große Gegenliebe, prinzipiell handelt es sich eher um eine kleine aber feine Subkultur, welche besagte Genrebeiträge konsumiert. Universum Anime hat sich erfreulicherweise dennoch  diesem [in Japan enorm erfolgreichen] Phänomen angenommen. MADOKA MAGICA scheint zunächst nur eine von vielen Serien zu sein, bis man etwas hinter die zuckersüße Fassade blickt, denn hinter den großen Kulleraugen und bunten, abgefahrenen Kostümen verbirgt sich eine überraschend überzeugende Auseinandersetzung mit einem sehr westlich geprägten Motiv: nämlich Goethes FAUST.


Ein kleines verzaubertes Wesen namens Kyubey nimmt die Rolle des Mephistopholes ein, was durch diverse Goethe-Zitate verstärkt wird. Die obligatorische Geschichte des Schulmädchens das ihrer Bestimmung folgt und magische Kräfte einsetzt wird schrittweise mit immer abgefahreren Zutaten wie Hexen und Seelensteinen angereichert und zunehmend fesselnder inszeniert. MADOKA MAGICA ist definitv einer der besten Anime-Beträge der letzten Jahre und nicht umsonst ein bahnbrechender Erfolg in seinem Entstehungsland. UNIVERSUM ANIME scheint ein gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Veröffentlichung zu beweisen, denn mit APPELSEED XIII steht der nächste große Knaller vor der Haustür. Hierzu bald mehr im Palastmagazin!
[Medium: Deusche DVD von Universum Anime]

DIE HAUT IN DER ICH WOHNE

Regie: Pedro Almodóvar
Produktion: August Almodóvar
Darsteller: Antonio Banders, Elena Anaya, Marisa Peredes, Jan Cornet

Pedro Almodovar's neuer Streich konfrontiert zunächst mit einer recht grotesken Personenkonstellation: Es scheint als ob der Chirurg Robert Ledgart [Antonio Banderas] eine Gefangene in seiner Klinik festhält - durch verschachtelte Rückblenden und Wendungen schafft es der Film allerdings sämtliche Erwartungen des Zuschauers auf den Kopf zu stellen. Vermutet man am Anfang noch einen dialoglastigen Kunstfilm, so mutiert DIE HAUT IN DER ICH WOHNE ab der Mitte zum völlig abgefahrenen und grotesken Thriller mit interessanten Body-Horror-Elementen.



Die gesamte Inszenierung ist stark vom Horrorklassiker EYES WITHOUT A FACE [Les yeux sans visage von George Franju] inspiriert, daher wollte Almodovar seinen Film zunächst auch in Schwarz-Weiss ohne Ton inszenieren. Antonio Banderas liefert in der Rolle des akribisch-besessenen Arztes womöglich die Rolle seines Lebens ab, man nimmt ihm seine Figur wirklich in jeder Sekunde ab, überhaupt weiss auch die gesamte Besetzung zu überzeugen.



Ohne zuviel zu verraten sollte man betonen, dass in der augenscheinlich grausamen [und tendenziell perversen] Geschichte eine subtile Auseinandersetzung mit dem Thema Körpermetarmophose und Geschlechteridentifikation schlummert. Auch erzählerisch löst DIE HAUT IN DER ICH WOHNE eine geradezu hypnotische Faszination aus, denn nach der verstörenden Wendung in der Mitte des Filmes erstrahlt der gesamte Beginn in einem völlig neuen Licht. Sicher kein Film für jedermann, dennoch eine glänzende Perle des spanischen Kinos!

ASIA - Kurzbesprechungen #3


Es ist wieder Zeit für einen kleinen Überblick sehenswerter [Import-]DVDs und Blurays aus Asien, nach Qualität aussortiert, zusammengetragen und mit einem kleinen Eindruck auf das [digitale] Papier gebracht. Die besprochenen Filme in der dritten Ausgabe der Asia-Kurzbesprechungen: Guilty of Romance, War of the Arrows, Yellow Sea, Dainipponjin - der große Japaner, Underwater Love und Ichi - die blinde Schwertkäpferin.
Viel Spass beim Schmökern! [Für die Trailer jeweils auf das zugehörige Bild klicken, Links zu den entsprechenden Fassungen befinden sich unter der Besprechung]




GUILTY OF ROMANCE [J 2011]
Nach LOVE EXPOSURE und COLD FISH, serviert Ausnahmeregisseur Sion Sono erneut ein etwas sperriges, aber dafür umso aufregenderes Fragment seiner "Hass-Trilogie". Irgendwo zwischen Drama und greller Gesellschaftssatire dreht sich hier alles um drei weibliche Hauptfiguren und deren Sexualität: Izumi, die Ehefrau eines erfolgreichen Erotik-Autors, welche aus den Fesseln ihrer nicht erfüllten Sexualität ausbrechen will, Mitsuko, eine Professorin, die ein Doppelleben als Straßenprostituierte lebt und zu guter Letzt die Polizistin Yoshida, welche ihre sexuellen Gelüste vor ihrem Umfeld verborgen halten will. Zwischen dem Kampf gegen die Triebe und dem leicht prätentiösen schwelgen in Kafka-Zitaten [auch hier suchen die Figuren "Das Schloss"] zwinkert der Film dem Zuschauer das ein oder andere Mal neckisch entgegen und überhöht die episodisch konzipierte Geschichte zur bunten Satire. Obwohl es GUILTY OF ROMANCE nicht immer gelingt den richtigen Rhytmus zu finden, versöhnt Sion Sono dennoch durch eine provokative, unkonventionelle und visuell überzeugende Machart.
[Medium: UK Bluray von EUREKA, beinhaltet nur die internationale Kinofassung, der längere Dir. Cut wird exklusiv in Japan vertrieben]




WAR OF THE ARROWS [Korea 2012]
Ein [koreanisches] Dorf wird von einem [chinesischen] Clan überfallen und verschleppt. Eine Gruppe [weit unterlegener] Bogenschützen machen sich auf die Jagd nach ihrem Volk und dezimieren den Feind Schritt für Schritt mit Pfeil und Bogen. Trotz [oder gerade wegen?!] einer recht minimalistisch gehaltenen Story zwischen APOCALYPTO und 300, überzeugt WAR OF THE ARROWS wie schon lange kein Actionfilm mehr. Fast der komplette Film besteht aus einer gigantischen, schweisstreibenden Verfolgungsjadgd, welche sowohl auf ästhetischer, als auch auf dramaturgischer Ebene voll überzeugen kann. Hollywood bot schon lange keinen dermassen aufregenden Film mehr - rassiermesserscharfe Spannung vom Feinsten!
[Medium: limitierte koreanische Specialedition, inklusive Langfassung, welche exklusiv in Korea erhätlich ist]




YELLOW SEA [Korea 2011]
Regisseur Hong-Jin Na knüpft mit THE YELLOW SEA gekonnt an den Erfolg seines Vorgängerwerkes THE CHASER an. Von seiner Ehefrau verlassen und finanziell ruiniert wird Goo-nam gezwungen das gelbe Meer zu überqueren und einen Mann gegen Geld zu töten. Er nutzt diese Gelegenheit um seine verschwunde Frau zu suchen und verzettelt sich dabei immer tiefer in eine Welt aus Kriminalität aus der kein leichtes Entkommen mehr möglich ist. Regisseur Hong-Jin Na schafft es den Zuschauer das Schicksal des heimatlosen Protagonisten am eigenen Leib spüren zu lassen und in sehr trostlosen und blutigen Bildern eine unerwartete Wendung der Nächsten folgen zu lassen. THE YELLOW SEA ist ein kompromissloser, adrenalingeladener und vor allem überzeugender Überlebenskampf in einem radikal entmenschlichten Grenzmillieu.
[Medium: UK Bluray von EUREKA, ungekürzte Fassung]



UNDERWATER LOVE [J 2009]
Ein Pink-Musical, zu deutsch: Es wird gesungen, getanzt und reichlich gevögelt was das Zeug hält! Das Ganze wäre nicht der Rede Wert, wenn man sich hier nicht sichtbar bemüht hätte dem bunten Treiben einen gewissen ästhetischen Anstrich zu verpassen. Die deutsche Band STEREO TOTAL liefert den japanisch-sprachigen Soundtrack was eine lockere und fröhlich-trashige Atmosphäre versprüht. Den Schauspielern schien der absurde Genre-Mix Spass zu machen, der Zuschauer wird es hingegen etwas schwerer haben. Lässt man sich auf die groteske, mythologisch angehauchte Geschichte ein, so wird man als experimentierfreudiger Zuschauer durchaus bei Laune gehalten. UNDERWATER LOVE ist der perfekte [semi-intelektuelle] Partyfilm für ein nicht-prüdes Publikum!
[Medium: limitierte UK Bluray von Third Window Films mit Audio CD, Soundtrack von Stereo Total]




DAINIPPONJIN - Der große Japaner [J 2005]
Halbdokumentarischer Spielfilm, der das Schicksal eines japanischen Superhelden im Kampf gegen grotesk-mutierte Riesenmonster zeigt. Bis zum Bersten mit Genrezitaten gefüllt, welche man allerdings erst nach dem höchst empfehlenswerten Audiokommetar von Herrn Buttgereit zu dechiffrieren vermag. Wer glaubt er habe Alles gesehen, der solle sich doch bitte mal DAINOPPONJIN vornehmen. Grotesk, abgedreht, surreal, trashig - kurz: ein einziger [riesigengroßer] Spass!
[Medium: Dt. DVD von Rapid Eye Movies mit empfehlenswertem Audiokommentar von Filmemacher und Monster-Experte Jörg Buttgereit]




ICHI - die blinde Schwerkämpferin [J 2009]
Ein interessanter Versuch die legendäre Zatoichi-Figur von einer weiblichen Schauspielerin spielen zu lassen. Der Film funktioniert sehr gut, was vor allem an den stimmungsvollen Settings und der prägnanten Kameraarbeit liegt, leider neigen die Figuren das ein oder andere Mal zum dezenten Overacting, was dem Film einen etwas überdrehten Touch verleiht. ICHI ist dennoch ein sehenswerter Schwerkampffilm der Moderne!
[Medium: Dt. Bluray von Rapid Eye Movies]

SHAME


Regie: Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan
Buch: Abi Morgan

"Wir sind keine schlechten Menschen, wir kommen nur von einem schlechten Ort"

Nach seinem grandiosen Regiedebüt HUNGER liefert Steve McQueen erneut eine subtile Auseinandersetzung mit einem unbequemen Tabuthema. In SHAME wird ein nach aussen perfekt wirkender Geschäftsmann portraitiert, welcher hinter seiner Fassade mit einem schmerzvollen Leiden zu kämpfen hat. Die Unfähigkeit mit Gefühlen umzugehen manifestiert sich für ihn in einer sehr qualvollen Form: Sex, der Akt der Liebe, verkommt zum mechanischen Betäubingsinstrument jeglicher Emotionen. Seine Krankheit hat auch einen Namen: Sexssucht.



Michael Fassbender [HUNGER, INGLORIOUS BASTERDS] verkörpert diese schwierige Figur mit Bravour, er spielt die Rolle nicht nur, er fühlt sich förmlich in den seelischen Zustand seiner Figur ein, seine Blicke und Gesten erzählen weit mehr als manch ein verhaltener Dialog. Die Eskalation der Geschichte wird durch seine Schwester [Carey Mulligan] provoziert, welche unter einem ähnlichen und doch sehr gegenteiligen Problem leidet: Dem Mangel an Liebe zu sich selbst. Dieses Aufeinandertreffen suggeriert viele unausgesprochenen Probleme aus der Vergangenheit der Figuren und lässt den Film auf ein sehr bewegendes Finale hinsteuern.



In monotonen und kühlen Bildern wird dem Zuschauer das "sexuelle Gefängnis" vor Augen geführt, aus welchem es kein Entkommen zu geben scheint. Mit einigen intensiven Momenten der Stille und beindruckenden Plansequenzen ohne Schnitt, findet Steve McQueen eine sehr wirkungsvolle Form der Erzählweise. SHAME ist ein äusserst unbequemer, verstörender und dennoch großartiger Film, der den Zuschauer für ein oft ignoriertes Problem sensibilisiert.

Anmerkung: Im Gegensatz zu HUNGER ist die deutsche Synchronisation von SHAME durchaus gelungen und kann ohne weiteres emfohlen werden.

BOARDWALK EMPIRE


Darsteller: Steve Buscemi, Kelly MacDonald, Michael Pitt, Michael Shannon, Paz de la Huerta
Produktion: Martin Scorsese, Mark Wahlberg, Terence Winter
Studio: HBO

"I do expect to have everything"

[Enoch "Nucky" Thompson]

Wir schreiben das Jahr 1921, die Zeit der Prohibition. BOARDWALK EMPIRE, HBO's neuer Stern am Serienhimmel, beginnt mit einem Knall: der Illegalisierung von Alkohol. Sofort wird klar, dass dieses Gesetz einen fruchtbaren Nährboden für jedwede Art von Kriminalität bis in die höchste Regierungsebene bietet. Das BOARDWALK EMPIRE ist aufgrund seiner Küstenlage ein strategisch wichtiger Umschlagplatz für den Alkoholhandel, welcher die Aufmerksamkeit illustrer Gestalten wie Al Capone, Lucky Marciano aber auch einer kriminell agierenden Regierung weckt [verkörpert durch den Bezirksschatzmeister Enoch Thompson].



Martin Scorsese [THE DEPARTED, CASINO] und Terrence Winter [THE SOPRANOS] schufen keinsfalls eine dröge Gangsterserie, im Mittelpunkt steht eine interessante Auswahl an Charaktere: Der ausgebrannte Bezirksschatzmeister, ein fremd gewordener Kriegsheimkehrer, eine [zunächst] hilflose Imigrantin, ein mysteriöser Bundesagent und zahlreiche Nebenfiguren, sie alle vervollständigen eine allgemeingülte Parabel über Macht, Verbrechen und Kaptialismus in einem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.



Jede Folge besitzt einen klar herausgearbeiteten emotionalen Kern, die Vergangenheit und Sehnsüchte einer jeden Figur werden subtil und glaubwürdig vermittelt. Somit entsteht eine faszinierende Vielschichtigkeit in der gesamten Figurenwelt der Serie. Ähnlich wie Ian McShane's Figur in DEADWOOD lässt sich Enoch Nucky Thompson [toll gespielt von Steve Buscemi] weder "gut" noch "böse" klassifizieren, wie im echten Leben stehen die meisten Figuren auf einem schmalen Grat zwischen Sympathie und Abscheu.



BOARDWALK EMPIRE brilliert in der Darstellung von Abhängigkeiten, Ereignisketten und unwideruflichen Konsequenzen. Steve Buscemi überzeugt im Wechselspiels zwischen emotionaler Zerbrechlichkeit und knallhartem Durchsetzungsvermögen, die Aufarbeitung seiner persönlichen Vergangenheit gelingt der Serie insbesonders und baut eine gelungene Verbindung zwischen seiner fragwürdigen Figur und dem Publikum auf.



Zieht man ein Resüme aus der erste Staffel, so mag es zunächst befremdlich sein, dass es keinen "großen" dramatischen Handlungskern gibt, die Faszination an BOARDWALK EMPIRE besteht aus einem Kaleidoskop aus kleinen Geschichten und sich entwickelnden Charakteren, welches ein gelunges Gesamtbild formt. Zwar geht es um den großen Umschwung [hervorgerufen durch die Prohibition] doch eigentlich handelt die Serie von Verflechtungen, sowohl politischer als auch emotionaler Art.



Produktionstechnisch ist BOARDWALK EMPIRE vielen Kinoproduktionen oft überlegen, das amerikanische Küstenstädchen wurde in einer gelungenen Mischung aus klassischen Setaufbauten und CGI-Effekten [→ Hier ein tolles Video dazu] ins Leben gerufen und mit einigen sehr ästhetischen und durchaus kinoreifen Bildern eingefangen. Hin und wieder erstaunen Aufnahmen, welche aus einem Gemälde von René Magritte entstammen könnten.



Im Verlauf der Geschichte entstehen einige große, geradezu magische [Kino-]Momente, welche man eher in einem Film wie DER PATE oder CASINO erwarten würde und für eine Fernsehserie ungewöhnlich aber durchaus willkommen sind. Dieser hohe künstlerische Anspruch macht BOARDWALK EMPIRE gewissermasen zu einem Epos und bewahrheitet tatsächlich den im Vorfeld ausgesprochenen Claim: "Scorseses Serie könnte das Kino ruinieren".
Ich sage: Serien wie BOARDWALK EMPIRE ruinieren das Kino nicht, sie fordern es heraus!



Trailer zu BOARDWALK EMPIRE:

SLEEPING BEAUTY


Regie: Julia Leigh
Darsteller: Emily Brown, Rachel Blake, Peter Caroll
Verleih: Capelight

„Du wirst einschlafen, aufwachen und es wird dir vorkommen, als hätten die Stunden zuvor niemals existiert"

Lucy finanziert sich ihr Studium durch ein breites Spektrum an Nebenjobs: Vom kellnern in einer Bar, über medizinische Experimente bis hin zur Prostitution kommt für sie Alles in Frage. Ihren mit Abstand lukrativsten Job bestreitet sie allerdings in einer "Dörnröschenkammer". ohmächtig und betäubt von Drogen lässt sie dort die Fantasien alter Herren regungslos über sich ergehen. Sex und Gewalt sind hierbei zwar absolute Tabus, dennoch plagt Sie bald die Neugier, was in diesen Nächten mit ihr geschieht.



SLEEPING BEAUTY ist einer der aufregendsten und ungewöhnlichsten Filme seit langer Zeit, das kontroverste Drehbuch befand sich einige Jahre auf einer sogenannten "Black List" [die besten unverfilmten Scripts des jeweiligen Jahres] und wurde nun endlich doch noch verfilmt.
In kühlen und nüchternen Bildern erschuf die Australierin Julia Leigh eine Geschichte von Ohmacht und Kontrollverlust, das Märchen vom jungen Dornröschen wird quasi invertiert erzählt, diese Prinzessin will von keinem Kuss geweckt werden, sie wandelt in einem schlafähnlichen Zustand und vegetiert in völliger Furchtlosigkeit vor dem Tod.



Dem Film gelingt es trotz [oder gerade wegen] seiner sehr monotonen und distanzierten Machart zu fesseln. Emily Browning erweist sich hier als absoluter Glücksgriff bei der Besetzung, denn ihre starke, oft verstörende Präsenz weckt die voyeuristische Neugier beim Zuschauer und treibt den Film merklich voran. SLEEPING BEAUTY ist völlig frei von vordergründiger Gewalt, stattdessen dominiert eine kühle, düstere und traumähnliche Atmosphäre. Mutig, verstörend und sehr Sehenswert!

SLEEPING BEAUTY erscheint im März auf Bluray: Bild und Tonqualität können bei dem Independentfilm sehr überzeugen, zwar befindet sich nur eine kurze Kollektion von Interviews auf der Disc, diese sind allerdings sehr aufschlussreich und vertiefen den ein oder anderen Aspekt des Filmes.

Vielen Dank an Capelight für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

HUNGER


Regie: Steve McQueen
Darsteller: Michael Fassbender, Liam Cunnigham
Buch: Steve McQueen mit Enda Walsh

HUNGER
- ein tief bewegender Film, welchen man als Zuschauer nicht mehr so schnell aus dem Kopf bekommen wird. Regisseur Steve McQueen schuf mit seinem Debüt einen höchst unbequemen, verstörenden und zugleich großartigen Film, der zum Nachdenken anregt und einige nicht leicht zu beantwortenden moralischen Fragen aufwirft. Die Kamera beobachtet den IRA-Aktivisten Bobby Sands [bemerkenswert gespielt von Michael Fassbender] beim konsequenten, gewaltlosen Widerstand - dem freiwilligen Hungertod.



Dem Film geht es dabei weniger um politische Gesinnung oder Stellungnahme zum Zeitgeschehen der Thatcher-Ära, er wirkt vielmehr wie eine Parabel, welche sich konkret auf unsere Gegenwart anwenden lässt. Viele der sogartigen, wunderschönen und zugleich grauenvollen Bilder, wie z.B. ein weinender Polizist während eines Aufstands, bleiben nachhaltig in Erinnerung und machen HUNGER zu einem sehr aussergewöhnlichen, emotional aufwühlenden Film. Bobby Sand's 17-minütiges Gespräch mit einem Priester, dargestellt in einer fesselnd gespielten Plansequenz, bildet den Kern des Filmes und lässt den Zuschauer verstehen was dort auf der Leinwand passieren wird.



HUNGER
wurde 2008 in Cannes absolut zurecht mit der goldenen Kamera ausgezeichnet, erschien aber in Deutschland dennoch nur auf DVD. Den Film sollte man sich im Originalton anschauen, da die lieblos heruntergeleierte deutsche Synchronisation schlicht eine Frechheit darstellt.


Cineastische Häppchen!


Da ich die Idee eines "Filmtagebuches" schon immer sehr reizvoll fand, verfasse ich hiermit [inspiriert von der nagelneuen und hochexklusiven Plattform letterboxd.com, aktuell in einer vielversprechenden Betaphase] einige kurze Eindrücke meiner letzen Filmabende. Es gilt wieder einmal: Weder Untertitel noch verwaschene Schwarz/Weiss-Bilder sollten den geneigten Filmfreund vom Entdecken cineastischer Schätze abhalten. In diesem Sinne: Bon Appetit oder wie der Mannheimer zu sagen pflegt: Gude!


LATE SPRING
Yasujiro Ozu's Blaupause für viele seiner folgenden Filme: Um ständig für ihren Vater sorgen zu können, beschliesst die Tocher niemals zu heiraten. Ein vielschichtiges Gesellschaftportrait, welches sich einem nach wie vor präsenten Generationenkonflikt in Japan nähert. Die akribisch konstruierten Aufnahmen mit dem Ozu-typischen 50mm-Objektiv zeugen von einer atemberaubenden Ästhetik. Ein Meisterwerk!


MILLENIUM MAMBO
Mein erster Film von Hou Hsiao-Hsien: Sehr schöne Geschichte [aus Taiwan] über die Sehnsucht nach Liebe/geliebt zu werden, konsequent aus dem Off erzählt. Kein Film der großen Dialoge, hier sprechen die Bilder: Die hübsche Shu Qui [Schmacht!] trägt den Film beinahe alleine mit ihrer physischen Präsenz.


DIE SIEBEN SAMURAI
[Für mich] zum ersten Mal in der Langfassung: Kurosawa's faszinierende Samuraisaga kombiniert das episches Abenteuer seiner Helden mit einem vielschichtigen Gesellschaftsportrait, denn hinter der Fassade handelt der Film von der ständigen Diskrepanz zwischen den unterschiedlichen Klassen. Eine gelungene Gratwanderung zwischen mitreissender Action, großem Drama und herzerwärmender Komik. Zurecht ein Klassiker des Genres!


PARIS, TEXAS
Um auch mal wieder etwas nicht-asiatisches an die Tagesordnung zu bringen: PARIS, TEXAS, Wim Wender's bester Film, emotional aufwühlende und mysteriöse Geschichte um einen Mann ohne Vergangenheit in starken Bildern erzählt. Das herzzerreissende Finale ist zudem brilliant konzipiert!


DOWN BY LAW
Drei grundverschiedene Charaktere treffen im Gefängnis aufeinander und müssen sich bei einem gemeinsamen Ausbruch arrangieren. Jim Jarmusch's Frühwerk besticht mit einer interessanten Figurenkonstellation, witzigen [teilweise improvisierten] Dialogen und sehr ästhetischen Schwarz-Weiss-Bildern von Robby Müller [auch oft für Wenders hinter der Linse].


CLEAN
Bewegender Independentfilm mit einigen interessanten inszenatorischen Kniffen, so wird z.B. die Geschichte nach dem ersten [stringenten] Drittel episodisch aufgelöst, was den Film sehr dynamisch macht. Maggie Cheung überzeugt als drogensüchtige Mutter, welche ihr Leben nach dem Tod ihres Freundes wieder in den Griff bekommen will, Regisseur Oliver Assayas [CARLOS DER SCHAKAL] lässt aber besonders Nick Nolte zur absoluten Höchstform auflaufen! CLEAN ist leider nur auf einer raren koreanischen oder französischen DVD erhältlich.


THE CONVERSATION / DER DIALOG
Brilliant zermürbender [Horror-]Film über Paranoia, Angst, Macht und Ohnmacht. Besonders auf tonaler Ebene verstörend in Szene gesetzt mit einem genialen Gene Hackman in der Hauptrolle.


SANSHO THE BAILIFF
Ein sehr bewegender und zutiefst menschlichter Film von Mizoguchi - zudem sind die thematisierten moralischen Aspekte gerade heute sehr aktuell. Die bewegende Geschichte eines Geschwisterpaares, welches von ihren Eltern getrennt wird, basiert auf einer alten Sage.


UGETSU
Großartiges Spätwerk von Mizoguchi. Eine märchenhafte Parabel, episodisch erzählt, mit interessanten, sich entwickelnden Figuren. Die Kameraarbeit des späteren Kurosawa-Kameramanns Kazuo Miyagawa ist brilliant!


STREETS OF SHAME
In seinem letzten Film zeichnet Mizoguchi ein Portrait einiger Frauen in Japan nach dem zweiten Weltkrieg. Gezeichnet von Armut müssen sie sich der Prostitution hingeben und leiden auf unterschiedliche Art und Weise darunter. Die persönlichen Schicksale der Frauen werden sehr bewegend in Szene gesetzt und machen den Film zu einer gelungen Anklage an die jap. Gesellschaft.